Trauriges Ende einer Brieftaube

 

Warnung: Die Fotos am Ende des Berichts sind nichts für Zartbesaitete!

 

Ich kaufte am Abend nach der Arbeit gerade Futtermittel für unsere Wildvogelbabys ein, als mich ein Anruf meines Vaters erreichte. Ein Mann hätte bei ihm gerade eine verletzte Taube mit den Worten abgegeben, das sei eine Brieftaube, die einem Greifvogel zum Opfer gefallen sei, aber noch lebe.

Ich war etwas verwundert, dass sich vorher niemand bei mir gemeldet hatte. Doch ein Greifvogelangriff ist immer ein Grund, schnell zu handeln. Ich raste zur Kasse, zahlte und warf die Einkäufe ins Heck meines Pkws.

Ich fuhr in Richtung meiner Eltern los und gab ordentlich Gas. Meine Mutter hat zwar viele Jahre Babytiere mit aufziehen geholfen, doch bei Verletzungen ist sie eher hilflos. Ich musste  unbedingt schnellstmöglich dort eintreffen, um dem armen Tier zu helfen. Meine Hoffnung, dass es sich nicht um einen schwerwiegenden Fall handelte, wurde schnell enttäuscht. Der Herr hatte das Täubchen in einen Putzeimer gesetzt und ein Geschirrtuch darüber fest gebunden, damit sie nicht entkommen konnte.

Ihr Hals war rundum völlig aufgerissen und sie blutete ziemlich stark. Auf Anhieb war zu erkennen, dass das gesamte Halsgewebe zerrissen war. Ich füllte etwas Wasser in ein Einwegspritzchen, um folgenden Test zu machen: Läuft das Wasser zur Wunde heraus, ist der Kropf aufgerissen. Oder noch Schlimmeres.

Ein Anruf bei der Tierarztpraxis endete sofort damit, dass ich nach Start der automatischen Bandansage zum Feierabend auflegte. Hier kam ich nicht weiter. Ich packte das Täubchen, das noch unter Schock stand, aber dennoch munter guckte und alles genau wahrnahm, in eine Katzentransportbox und sauste  zur Praxis los, in der Hoffnung, dort den Tierarzt noch anzutreffen. 

Das Täubchen und ich hatten Glück: Das Ärzteehepaar befand sich noch in der Praxis, offenbar gerade bei den Aufräumungsarbeiten des Tages. Freundlicherweise wurde ich trotz bereits beendeter Sprechstunde herein gelassen und durfte das schwerst verwundete Täubchen untersuchen lassen. Das Täubchen nahm ich aus der Box und es kuschelte sich hilfesuchend an meinen Arm. Der Tierarzt untersuchte den Hals gründlich, und meine bange Frage war, ob er das nähen könne.

Es war nicht möglich, zuviel Gewebe hatte der Angreifer heraus gerissen. Laut Tierarzt fehlten ca. 2/3 der Speiseröhre. Es gab keine Möglichkeit. Das Täubchen sah mir fragend in die Augen. Tränen liefen mir die Wangen hinunter, als der Tierarzt die Spritze mit dem schönen blauen Narkosemittel holte. Es ist immer wieder so verdammt bitter, wenn man nichts mehr tun kann, als ein letztes Leid zu verhindern.

Das liebe, harmlose Brieftäubchen mit der Identifikationsnummer 1111 schlief in meinen Armen ein. Da es immer noch so stark im Schock war, brauchte das Narkosemittel sehr lange, der Tierarzt musste nochmal nachspritzen. Ich weiß, dass sie so gerne weiter gelebt hätte, doch uns sind die Hände gebunden, wenn die Tiermedizin nicht die gleichen Möglichkeiten wie die Humanmedizin zur Verfügung hat. Nachdem der Tierarzt den Tod der Taube festgestellt hatte, rief ich den Züchter an. Seine Antwort: Da kann man nichts ändern.

Ich hatte Mühe, nicht laut los zu schreien: Natürlich hätte man das ändern, verhindern können! Die Welt braucht keinen Brieftauben-Wettsport, bei dem jährlich Abertausende von Tauben elend ums Leben kommen!!! Wie kann man seine eigenen Haustiere von ihren Partnertieren und Babys trennen, in große Lkws verladen und hunderte bis 1000 km weit weg in der Fremde aussetzen, in der Hoffnung, sie würden schnell heim kommen und einen Preis machen?

Liebe Leser, mir bleibt da wirklich die Spucke weg. Was bitteschön ist hieran ehrenhaft oder bewundernswert? Es ist nicht des Züchters Ruhm und Ehre, wenn seine Taube "gut" geflogen ist. Er beeindruckt mich damit nicht im Geringsten. Ruhm und Ehre könnte er allenfalls für sich beanspruchen, wenn er selbst mehrere hundert oder tausend Kilometer ohne Essen und Trinken zurück gelegt hat. Weil der Brieftauben-Wettsport für die Tauben mit unsäglichen Qualen verbunden ist, setze ich mich seit Jahren zusammen mit anderen Taubenpflegern und -pflegerinnen deutschlandweit für eine Abschaffung der Wettflüge oder (was mir persönlich nicht ausreicht) zumindest für die Einführung einer ordentlich teuren Brieftauben-Wettflugsteuer nach dem Verursacherprinzip ein, aus deren Einnahmen die Städte städtisch betreute Taubenschläge für gestrandete Brieftauben und deren Nachfahren, die Stadttauben, errichten und verletzte und erkrankte Täubchen tiermedizinisch versorgen lassen können. Nummer 1111, die von mir den Namen Libella erhalten hatte, würde das nicht mehr retten können, aber viele ihrer Artgenossen könnten so vor Leid bewahrt werden.

 

 

 

Der Finder der Taube kam am nächsten Morgen zu meinen Eltern, um sich nach dem Zustand der Taube zu erkundigen. Ich war gerade im Garten anwesend, weil ich dort meine eigene Taubengruppe versorgte, und konnte ihm leider nur noch den Tod von Libella mitteilen. Er war ebenfalls betroffen, denn er hatte gehofft, dass dem Tier noch geholfen werden könne.

Es ist schon eine traurige Welt, in der fremde Menschen mit einem Tier mehr Mitleid haben als sein Eigentümer...

 

Susanne Wicht