Pusteblume liebt Löwenzahn

 

Sie ist noch nicht mal ein Vierteljahr alt und hat schon viel hinter sich. Pusteblume ist ein Stallkaninchenkind mit langen Ohren. Aus ihr soll mal eine Deutsche Riesenschecke werden. Davon weiß Pusteblume jetzt noch nichts. Sie weiß aber, dass ihre Mama nicht lieb zu ihr war. Sie wurde von der Mutter am Auge verletzt, und hat immer noch mit den Folgen zu kämpfen. Dass Pusteblumes Mama eine Rabenmutter ist, liegt vielleicht auch ein bisschen an deren Schicksal. Die Mama ist eine sogenannte Stallhäsin in einer Landwirtschaft. Sie und ihre Artgenossen werden zum Schlachten gehalten. Das ist etwas, was ich persönlich gar nicht verstehen kann. Wie kann man ein Lebewesen freiwillig töten? Alle Tiere möchten genauso gerne leben wie der Mensch auch. Mit welchem Recht löscht man ihr Leben einfach aus? Wir leiden in Deutschland auch ohne Fleischprodukte keinen Hunger. Tiere zu töten ist also völlig unnötig. Wir haben genügend Alternativen. Dass Fleisch gut schmeckt (ich finde den Geschmack übrigens widerlich) ist für mich kein Argument, zu rechtfertigen, dass man Tiere tötet. Ein Leben wegnehmen ist durch nichts gerechtfertigt, und schon gar nicht durch egoistische Motive.

Stallhasen werden üblicherweise in kleinen Holzställen gehalten, die dem Bewegungsbedürfnis der Hoppler in keinster Weise gerecht werden.  Das ist alles sehr sehr weit entfernt von Ruth Morgeneggs Forderung, einem Kaninchenpaar sollten mindestens 6 qm Lebensraum zur Verfügung stehen. Ruth Morgenegg leitet die Nagerstation in Zürich und hat sich, genau wie ich, schon über 20 Jahre mit Kaninchenhaltung befasst. Sie ist Autorin eines bekannten Buches über artgerechte Kaninchenhaltung und war meines Wissens die erste Buchautorin, welche die Forderung nach einem angemessenen Lebensraum für Kaninchen auf diese Weise postulierte.

Mir ist nicht bekannt, ob in der Schweiz Tierhalter einsichtiger, finanzstärker und auch freigiebiger sind als in Deutschland, aber hierzulande ist es schon ein langer Überzeugungskampf, einem künftigen Kaninchenhalter zu vermitteln, dass die kleine Holzstallbox oder der Kaninchenkäfig eben kein geeigneter Lebensraum für ein, geschweige denn zwei Kaninchen sind. Ich würde gar nicht von jedem Halter die morgeneggschen 6 qm fordern wollen, aber der Lebensraum muss zwingend Platz zum Rennen und Hakenschlagen bieten, und Kaninchen benötigen auch Gesellschaft. Das geht im Käfig oder Holzstall nicht. Die Muskulatur verkümmert, es entstehen Haltungsschäden am Skelett, das Tier vereinsamt oder aber lebt im Dauerstreit in dem viel zu engen Quartier.

Abgesehen davon ist das Käfig- oder Boxendasein einfach traurig und einengend. Kein Mensch würde sein Leben so verbringen wollen.

Es muss einen daher nicht verwundern, wenn die drangvolle Enge in Stallboxen zu Streitigkeiten und Bissverletzungen führen. Pusteblume wurde eines dieser Opfer. Doch Pusteblume hatte Glück im Unglück, die Tochter der Familie hatte Mitleid mit dem kleinen verletzten Kaninchenkind und brachte es zum Tierarzt. Dort gab man ihr antibiotische Augentropfen und ein hornhautregenerierendes Augengel mit.

So wurde zwar der Schaden an der Hornhaut repariert, da aber das eingerissene obere Augenlid nicht fachmännisch verarztet wurde, wuchs es falsch zusammen. Es muss, wenn Pusteblume älter und narkosefähig ist, chirurgisch korrigiert werden.

Nachdem die Pflege der Tochter auf Dauer zu zeitintensiv war und die Eltern wollten, dass Pusteblume wie alle anderen auch geschlachtet wird, suchte die Tochter dringend einen Platz bei Privatleuten, die nicht schlachten und welche die notwendigen Tierarztkosten für die OP nicht scheuen.

Da sie unsere Entenmama Petra kennt, fragte sie bei ihr an, wer Pusteblume die notwendige Hilfe ermöglichen könnte und wer sie bis an ihr seliges Ende behalten würde. So kam es, dass Pusteblume zu mir umzog. Da Pusteblume bislang eher auf sehr ungesunde Nahrung wie Bananenchips stand, musste sie erst mal an gesundes Kaninchenfutter gewöhnt werden. Nun steht fest: Pusteblume liebt Löwenzahn. Momentan lebt sie, bis sie operiert werden kann, zusammen mit Betty Nucki und Co in der großen Doppelvoliere. Sie versteht sich gut mit den anderen und sie kuschelte und flirtete bereits heftig mit Rümi.

In einer 5.50 m langen Voliere, die in den Sommerferien auf 7 Meter verlängert wird, hat Pusteblume damit einen Platz, von dem andere Stallhasen nur träumen können. Sie macht vom Hoppeln viel Gebrauch und schlägt begeistert Haken. Ich hoffe, dass der Tierarzt ihr Auge wieder heil hinbekommen wird und dass Pusteblume viele glückliche Jahre bei mir verbringen kann.

 

Susanne Wicht im Mai 2014

 

Nachtrag im Juni 2014:

Pusteblumes Auge wurde auch ohne OP wieder heile. Ich habe den Verdacht, dass ihr Freund Rümi so lange an dem Äuglein herum geschleckt und "gezuzelt" hat, bis sich das falsch zusammen gewachsene Lid wieder in die Ausgangsposition zurück gelegt hat. Es ist alles okay, kein Tränen, kein Reiben mehr und auch noch eine risikobehaftete Narkose und die OP-Kosten gespart. So läuft es leider nicht immer...

 

 

Hier ein Foto von Pusteblume im Juni 2014:

 

Und hier sieht man die ungewöhnliche Liebe eines Handaufzucht-Feldhasen zu einem Deutschen Riesenschecken-Kaninchen:

 

Leider musste Rümi seine Freundin aber verlassen, denn er musste ausgewildert werden. Pusteblume ist ein Haustier und konnte leider nicht mitkommen. Vielleicht besucht Rümi seine Pusteblume aber trotzdem weiterhin. Natürlich wird Pusteblume neue Freunde, sprich andere Kaninchen, als Gesellschaft bekommen. Sie muss nicht alleine bleiben, sondern soll in eine andere Gruppe integriert werden.