Myxomatose - eine heimtückische Seuche der Kaninchen

 

Warnung: Dieser Bericht ist nichts für Zartbesaitete!

 

Am 27.05.2014 gegen halb acht Uhr morgens findet ein Schüler am Bahnhof in Baunach ein schwer krankes Wildkaninchen. Er muss zur Schule und setzt das Tier an einem Warte-Unterstand am Bahngleis ab. Über Handy informiert er die Polizei und bittet um Hilfe für das arme Tier.

Endlich ein Tag Urlaub! Ich wollte mir für diesen einen freien Tag mal ein bisschen Ausschlafen nach langen anstrengenden Wochen gönnen. Um 07.40 Uhr springt der Klingelton meines Handys an. Die Ansagestimme verkündet mal wieder: Polizei Bamberg-Stadt, Polizei Bamberg-Stadt... Sofort bin ich am Telefon und versuche munter zu klingen.

Der Polizist gibt mir die Telefonnummer des Finders, den ich auch gleich anrufe. Er ist sehr im Stress, will nicht zu spät zur Schule kommen. Ja, das Tier habe er dort bei dem Glaskasten abgestellt. Ich frage, ob die Augen zugeschwollen waren. Ja, das waren sie. Also vermutlich Myxomatose.

Am Bahnhof sehe ich die Unterstände nicht gleich, frage einen Straßenkehrer. Der zeigt mir die fragliche Stelle und hilft mit seinem Kollegen suchen. Da - im Gras beim Zaun sitzt eines der elendesten Geschöpfe, die ich je erblicken musste. Ein Wildkaninchen, schon mehr tot als lebendig. Vom Regen durchnässt, unterkühlt, der Kopf völlig verschwollen und die Augen so zugeeitert, dass sich die Lider auflösen und als Krusten ablösen. Hier gibt es nur noch eine Hilfe, ist mir klar. Ich packe das arme Ding in eine mitgebrachte Transportbox, verstaue die Box im Tierrettungsfahrzeug und heize auf der Rückfahrt bestmöglich ein, um dem Tier wenigstens mehr Wärme zurück zu geben. Ein guter Kreislauf ist wichtig für die optimale Verteilung des Narkosemittels Narcoren, das der Tierarzt dem todgeweihten Kandidaten eine Viertelstunde später spritzen wird. Es schläft friedlich in meinen Händen ein. Schon in der Transportbox ist das ganze Unterlegmaterial aus Windeln und Zewa voll mit blutigem Gewebswasser gelaufen. Eine fürchterliche Krankheit, die ohne Schutzimpfung fast immer tödlich verläuft. Früh erkannte Fälle von Myxomatose sollten eventuell die Chance eines Therapieversuchs erhalten, mittels Immunstimmulanzien, Antibiotika (Amoxicillin, Convenia oder Veracin, da Enrofloxacin oft bei Pasteurellen nicht anspricht) und Infusionen plus B-Vitaminen und Zwangsernährung mit Critical Care, Rodi Care oder Herbi Care. Tritt innerhalb weniger Tage keine deutliche Besserung ein, bitte einschläfern lassen!

Sie können Ihr eigenes Kaninchen nur wirkungsvoll vor dieser Krankheit schützen, wenn sie es regelmäßig beim Tierarzt impfen lassen. Die Geldausgabe sollte Ihnen Ihr Tier auf alle Fälle wert sein.

Haben Sie in der freien Wildbahn Körperkontakt mit einem Myxomatose-infizierten Kaninchen, so waschen Sie bitte Ihre Hände sehr gründlich mit viel heißem Wasser und Seife und desinfizieren Sie sie anschließend gründlich mit einem viruziden Desinfektionsmittel. Sie könnten über Türgriffe etc. die Keime auf andere Menschen mit Hauskaninchen weiter verbreiten, oder gar eigene Tiere gefährden. Dieser Krankheit sollte man kein anderes Kaninchen fahrlässig aussetzen.

 

Foto von dem Myxomatose-Kaninchen am Bahnhof in Baunach (nach dem Einschläfern beim Tierarzt)

 

Hier noch ein paar andere Myxomatose-Fälle, die mir im Laufe der Jahre zur Pflege oder zum Einschläfern beim Tierarzt übergeben wurden. Überlebt haben von allen Myxomatose-Pfleglingen leider nur zwei. Die anderen mussten eingeschläfert werden:

 

Mir ist bewusst, dass diese Fotos für jeden Tierfreund ein Schock sind, aber wir wollen nicht verschweigen, dass die Tierrettung nicht nur ihre Sonnenseiten hat. Wir können zwar viele retten, aber mitunter sind uns die Hände gebunden, weil Tiere zu spät gefunden oder von Findern falsch versorgt werden oder eben wie im obigen Fall an einer fürchterlichen Krankheit leiden, die im Falle der Myxomatose der Mensch selbst unter den armen Mitgeschöpfen verbreitet hat. Vielleicht wird das Myxomatose-Virus eines Tages mutieren und sich gegen den wenden, der es in Umlauf gebracht hat...

 

Susanne Wicht