Mein lieber Schwan!!!

Oder: Vom Babyschwan zum dicken Brocken

 

Ein junger Jägersmann ging am Ufer spazieren. Ein kleines flaumiges Babyschwänchen, ganz mutterseelenallein, heftete sich hilfesuchend an seine Fersen. Klein Hugo Schwani konnte ja nicht ahnen, dass er einem potentiellen Feind nachlief... Sonst hätte er sicher gleich gedacht: Mir schwant Schreckliches - und hätte schleunigst Kehrt gemacht. Doch der Jäger hatte Mitleid mit dem kleinen silbernen Flaumküken. Es sah auch allzu putzig aus. Zunächst versuchte der Jäger, das Schwänchen einem Schwanenpaar mit gleichaltrigem Nachwuchs unter zu jubeln. Leider vergeblich. Papa Schwan fiel über den fremden Sprößling her. Der Jäger bedauerte seine Fehlentscheidung und wähnte das Babyschwänchen tot, da er es nicht mehr sehen konnte. Als der Jäger Stunden später wieder dort unterwegs war, watschelte das kleine Kerlchen plötzlich wieder hinter ihm her. So konnte er nicht mehr anders, als das Küken mitzunehmen. Nun ging jedoch die Suche nach einer Ersatzmutter los, denn der Jäger hatte zuhause kein Gehege für Schwäne. Das war gar nicht so einfach, denn der ihm bekannte Gnadenhof war derzeit schon sehr voll und er fürchtete auch, dass das Schwänchen dann dort zeitlebens bleiben müsste. Er wollte es doch gerne wieder in der Natur sehen.

So kam er schließlich auf die Wildtierhilfe Bamberg, und brachte das Babyküken zu mir nach Forchheim.

Hugo Schwani aus Pegnitz - von dort bekamen wir heuer mehrere Tiere gebracht

 

Schwani adoptierte mich sofort als Ersatzmama. Da Wasservogelküken während der ersten zwei bis drei Wochen mangels wärmendem Muttergefieder zwingend eine Wärmequelle wie eine Infrarot-Stalllampe benötigen, wir aber mangels eigener Landwirtschaft keinen Stall haben, wohnte Schwani die ersten Tage in einer Hundetransportbox in der Wohnung, in die eine Infrarotlampe hinein strahlte. Er konnte sich aussuchen, ob er unter dem wärmenden Rotlicht oder lieber etwas "im Schatten" sitzen wollte. Schwani schaffte es immer in Sekundenschnelle, die frisch ausgewaschene und trocken gelegte Hundetransportbox unter Wasser zu setzen, sobald ein frisches Wasserschüsselchen in der Box stand. Hugo Schwani vertilgte mit Begeisterung große Mengen eingeweichten Gänsestarters, und wuchs auch entsprechend gut. Gerne watschelte er tagsüber durch die Wohnung von Tages"mutter" Manni, der sich in meiner Abwesenheit um das Küken kümmerte. Einmal traf der kleine Babyschwan auf die Katze von Manni. Die hatte vermutlich nichts wirklich Selbstloses im Hinterköpfchen, als der kleine Schwan sich vor ihr aufbaute und mit den Stummelflügelchen schlug und fauchte wie ein ausgewachsener Waldkater.

Das war der erschrockenen Miezekatze zuviel Dreistigkeit, und sie ergriff sicherheitshalber mal die Flucht!

Da man Wildtiere natürlich nicht an ihre Feinde gewöhnen darf, mussten Hugo Schwani und die Katze ansonsten natürlich getrennt bleiben. Schwani wurde in den ersten 1,5 Lebenswochen sehr verwöhnt, da er ein Einzelkind war, und gerade Wasservögel sich leicht einsam fühlen.

Einmal war Schwani bei seinem Freilauf in der Wohnung verschwunden - eine Suche ergab, dass er sich den bequemsten Platz der Welt ausgesucht hatte, um ein bisschen Heia zu machen:

 

Hugo Schwani hat sich unerlaubterweise für ein Nickerchen ins Menschen-Bett gelegt - tolle Erfindung, könnte direkt von Schwänen geschaffen worden sein! Weich wie Daunen!

 

Schwani versuchte von da an öfters, ins Bett zu gelangen und protestierte heftig, wenn man ihn nicht ließ. Da Schwani ohne Artgenossen war, befürchtete ich schon, er würde eine Fehlprägung auf den Menschen bekommen, denn seine Mama, also ich, war sein Ein und Alles.

Da erreichte mich ein Anruf einer ehrenamtlichen Helferin eines Nachbar-Tierschutzvereins. Sie hätte meine Nummer von Vera bekommen (auswärtige Wildvogelhelferin im Mutterschutz), und es ginge um 9 Schwanen-Babys, deren Mutter bei einem Verkehrsunfall getötet worden sei.

Ach du liebes bisschen! Zwar hätte ich gerne ein Geschwisterchen für Hugo Schwani gehabt, aber gleich eine ganze Familie? Wir sind auf so viele große Wildtiere platzmäßig gar nicht eingerichtet. Da sich aber niemand anderes bereit fand, die Kleinen aufzunehmen, erklärte ich mich erst mal damit einverstanden, denn noch waren die Hübschen ja klein. Ich würde sie erst mal vorübergehend annehmen und dann in Ruhe nach einer anderen Pflegestelle suchen.

Der kleine Bruno Schwanani ist viel heller als seine Geschwisterchen

 

So kam es, dass Hugo Schwani mit den Neulingen zunächst in eine  Blockhütte bei meinen Eltern einzog, wo wir sowohl Infrarotlampe als auch ein Extraabteil installierten, wo die Schwänchen zunächst wohnten. Schnell wurde das Abteil zu klein, und da die Schwänchen nun thermostabil waren, konnten sie in eine nicht beheizte, extra für die Babyschwänchen gebaute Außenvoliere umziehen, die wir eigens an eine vorhandene Voliere angebaut hatten.

Hunger und Durrrrschd...

 

Eines der Schwanen-Babys war viel heller gefärbt als die Geschwister (siehe Foto oben). Dieses helle Exemplar nannte ich Bruno Schwanani. Er wurde später Hugos bester Freund.

Bald war die Voliere zu klein geworden, ich musste das Nachbarabteil öffnen, so dass die Schwänchen nun zwischen beiden Volieren, die mit einer Tür verbunden sind, pendeln konnten.

Da wir leider keine große Teichvoliere besitzen, mussten Muschel-Becken (gibts für Kinder zum Spielen) und Kaninchenkäfig-Unterteile zum Baden genügen.

Bruno Schwanani im Muschelbecken mit Sandgrund und Wasser aus meinem Teich

 

Alle meine Anfragen, wer die wachsenden Schwäne übernehmen könnte, verliefen im Sande.

Trotzdem die Schwäne nicht die Masse an Platz gehabt hatten, wie es wünschenswert gewesen wäre, wuchsen und gediehen sie weiter.

Aus den kleinen Flaumküken von ehedem wurden mithilfe der offenbar sehr leckeren Gänsestarter-Pellets von meinem Haus- und Hoflieferanten Fumy aus Höchstadt ziemliche Kaliber, deren Schwungfedern Ende September 2014 dann voll entwickelt waren.

Hugo Schwani Ende September 2014 nachts auf seinem Schlafplatz

 

Jetzt hieß es, schnell eine Auswilderungsmöglichkeit zu finden. Da mir die Obere Naturschutzbehörde der Regierung von Oberfranken leider keine Ausnahmegenehmigung für die Freilassung aller Schwäne auf dem Stocksee erteilen konnte, da man dort eine Überfüllung mit Schwänen und entsprechende Besucherströme mit ungesunder Brot-Fütterung befürchtete, mussten wir paarweise auf diverse Gewässer um Bamberg herum auswildern. Auch vom zuständigen Jagpächter wurden wir gebeten, nicht zuviele Schwäne auf einem Gewässer frei zu lassen, da dies für die Gewässer zu belastend sei.

Für unsere zwei dicksten Brocken bekamen wir dann doch eine Ausnahmegenehmigung der Oberen Naturschutzbehörde. Am 05.10.2014 war es soweit. Alle Schwäne zogen in ihre neuen Domizile, endlich auf richtigen Seen statt in kleinen Badebecken. Hugo Schwani und sein bester Freund Bruno Schwanani wurden auf einem kleinen See frei gelassen.

Hugo Schwani zieht davon... Tschüss, mein Baby, mach´s gut und nimm dich vor Menschen, Füchsen und Hunden in Acht!

 

Hugo war erst geschockt, dann mutig und zog zielstrebig von dannen, während Bruno zum Angsthasen mutierte, erst gar nicht in das kühle Nass hinein- oder sofort wieder heraus wollte. Schließlich verschwand er unter einer hölzernen Anlegestelle für  Boote. Dort fühlte er sich sicher und war durch nichts hervor zu locken.

Bruno Schwanani ist der See unheimlich, soviel Wasser auf einmal hat er noch nie gesehen - und dann noch Schaulustige und ein bellender Hund, da flieht man lieber unter den Bootssteg!

 

Unsere Schwäne nahmen den  Transport so cool, dass sie sich einfach hinlegten und miteinander plauderten, während wir fuhren.

 

Die auswilderungsreifen Schwänchen werden mit dem Tierrettungsfahrzeug zum See gebracht

 

Die beiden, die wir am Stocksee frei ließen, paddelten gleich in die Nähe von anderen Schwänen, die in Revierverteidigungshaltung auf die Neuen zu  geschwommen kamen. Zum Glück blieben sie aber in sicherer Entfernung und bedrängten unsere Kiddies nicht.

 

Unsere Jungschwäne treffen auf zwei Altschwäne, die durch aufgestellte Flügel extra groß und stark erscheinen wollen -

nach dem Motto: Hier sind wir die Chefs!

 

Nach dieser schönen Erfahrung würden wir natürlich gerne den nächsten Schwänen in Not wieder eine Kinderstube bieten können. Doch dafür würden wir dringend eine Teich-Voliere benötigen, denn unsere vorhandene Voliere ist eigentlich zu klein. Die Becken waren auch nur ein Notbehelf. Deshalb würden wir dringend jemand suchen, der sowohl das Gelände als auch die Voliere selbst zur Verfügung stellen könnte. Bis wir so jemand gefunden haben, können wir selbst leider keine ganze Gruppe Schwäne mehr aufziehen.

Uns schwebt eine fuchs- und mardersichere Freilandvoliere vor, ca. 100 qm groß, mit integrierter Teichlandschaft, in der sich heranwachsende Schwäne optimal auf ihr späteres Leben in der Natur vorbereiten können. Für die Wasserqualität wäre es auch erforderlich, dass es sich nicht nur um reines Leitungswasser handelt, denn dieses beeinträchtigt die Bildung des notwendigen Bürzelfetts.

Bis wir so eine Teichvoliere eines schönen Tages haben, gilt aber Folgendes: Falls jemand einen Schwan in Not findet, so gibt es größere Gehege in anderen Auffangstationen, deren Rufnummern wir den Findern gerne weiter geben.

 

Susanne Wicht

 

Bruno Schwanani und Hugo Schwani 1,5 Wochen nach der Freilassung zusammen auf dem See - mit freundlicher Genehmigung von L. Spoletschnik, Copyright: Spoletschnik