Ich bleib Gans gerne hier... Oder: Madame Kippflügel-Gans aus Bamberg

 

Am Samstag, den 01.03.2014 um die Mittagszeit erreichte mich der Anruf einer besorgten Tierfreundin, am Flussufer der Regnitz sei eine kranke weiße Gans gesichtet worden. Sie sei offenbar verletzt und hätte ganz zerrupftes Gefieder, besonders die Flügel sähen richtig schlimm aus.

Von der Beschreibung der Finderin her vermutete ich bereits, was wir später dann auch tatsächlich feststellen konnten. Da wir aber nicht sicher sein konnten, was dem Tier wirklich fehlt, rückten Moni und ich sofort von zwei verschiedenen Uferseiten aus an, um das Tier zu finden und nötigenfalls einzufangen und zum Tierarzt zu bringen.

Die Gans konnte von uns auch recht schnell ausfindig gemacht werden. In einer Gruppe von anderen weißen Gänsen war sie sofort von den anderen zu unterscheiden. Die Gans leidet an einer Wachstumsstörung, die sich in beidseitigen Kippflügeln ausdrückt. Woher dieses Wachstumsproblem ursächlich herrührt, ist meines Wissens noch nicht endgültig erforscht. Ich vermute eine erbliche Vorbelastung. Die Verkippung der Flügel entsteht, weil die sogenannten Handschwingen im Vergleich zum Flügelknochen überproportional schnell wachsen. Das führt zu einer Außendrehung der Schwungfedern, welche überall anstreifen und daher ausspleißen und abbrechen. Dadurch entsteht die zerfledderte Optik. Der Federverlust führt leider zu einer Flugunfähigkeit, die das eigentliche Problem darstellt: Der Vogel kann seinen Fressfeinden nicht davon fliegen.

 

Hier ein Handy-Schnappschuss von der Gans mit Partnertier. Die voran laufende Gans ist die Kippflügel-Gans. Man kann die seitlich abstehenden zerfledderten Schwungfedern erkennen:

 

Ich halte es nicht für die ideale Lösung, wenn ein Wasservogel mit Kippflügeln in der freien Wildbahn verbleibt, da er gegenüber gesunden Artgenossen benachteiligt ist. Die fehlende Flugfähigkeit stellt einfach ein Sicherheitsrisiko dar. In diesem Falle kam noch erschwerend dazu, dass die weißen Hausgänse gegenüber ihren wilden Verwandten keine "Tarnkleidung" besitzen. Ihr Gefieder leuchtet sowieso aus jedem Gebüsch heraus, besonders auch in der Nacht.

In diesem Fall verhielt es sich jedoch so, dass die Gans absolut unwillig gewesen wäre, uns zu begleiten. Ein Einfangen ohne Net-Gun (Gewehr, mit dem Fangnetze abgeschossen werden können) wäre nicht möglich gewesen, da sie gesund und topfit ist. Schon bei Annäherung auf weniger als 5 m ergriff sie die Flucht. Hinzu kam, dass man sie gegebenenfalls zusammen mit ihrem Partner auf einen Gnadenhof hätte umsiedeln müssen, denn Paare zu trennen ist in meinen Augen seelische Grausamkeit.

Mehrere Passanten erzählten uns außerdem, dass die Gans bereits seit fünf Jahren dort zusammen mit den anderen Hausgänsen lebt. Sie wird täglich von zwei Spaziergängern artgerecht mit Geflügelkörnerfutter und Ziergeflügelstarter gefüttert und steht unter Beobachtung. Wir haben den freundlichen Helfern der Gans angeboten, dass sie uns im Bedarfsfall bei Erkrankung oder Verletzung jederzeit kontaktieren dürfen.

Die Gans durfte also dank liebevoller Betreuung von Tierfreunden dort verbleiben. Wir mussten keine Tierschutzkollegen mit Net-Gun von auswärts anfordern.

Am Abend desselben Tages erreichte mich ein Anruf der Polizei Bamberg-Stadt. Der diensthabende Beamte teilte mir mit, dass eine weitere Dame eine verletzte kranke Gans am gleichen Ort gemeldet habe. Da ich davon ausging, dass es sich um die selbe Gans handelte, erklärte ich, dass wir bereits vor Ort gewesen seien und die Gans als gehandicapt, aber draußen lebensfähig eingestuft hatten. Ich bat darum, der Finderin meine Telefonnummer weiter zu geben, falls noch Fragen seien.

Am darauffolgenden Sonntag rief die Finderin mich dann auch an. Sie war der Anschauung, es müsse sich um ein zweites Tier handeln. Wieder fuhr ich los, denn man weiß nie, wie der Zufall spielt. Eventuell könnte genau an diesem Tag tatsächlich eine zweite Gans zu Schaden gekommen sein.

Glücklicherweise war das aber nicht der Fall. Es handelte sich genau um unser Gänsemädchen. Ich war erleichtert, dass es keinen Pflegefall abzuholen gab. Ganselina und ihr Mann waren glaube ich auch ganz dankbar, dass der neuerliche Rummel um sie sich schließlich legte. Entspannt watschelte sie mit ihrem Partner weiter und ich kehrte zu meinen Babyfeldhasen und meinen Tauben zurück, um meine unterbrochenen Arbeiten fortzusetzen...

 

Ganselina watschelt stolz und erhobenen Hauptes weiter - Aufregung vorbei...

 

 

Susanne Wicht