Es gibt immer was zu tun!

 

„Überfahrene  Katze in Zeegendorf, Streife ist vor Ort. Katze liegt nur, kann nicht mehr laufen, maunzt laut vor Schmerzen.“ So die neueste Mitteilung unseres altbekannten Tier-Katastrophen-Melders von der Polizei Bamberg-Land in der Nacht des 04.03.2015. Es ist meist Herr Z., der bei uns anruft. Weiß er doch, dass die Wildtierhilfe in schweren Notfällen auch für im Straßenverkehr verunfallte entlaufene Heimtiere ausrückt, wenn die zuständige Einrichtung nicht erreichbar ist oder Hilfe ablehnt, und sei es mitten in der Nacht.

Aus seiner bisherigen Erfahrung mit uns ist ihm auch bekannt, dass wir und unser Tierarzt immer alles Menschenmögliche versuchen, um zu helfen.

Wenn unser Tierrettungsfahrzeug der Wildtierhilfe Bamberg - Forchheim am Unfallort  oder Fundort vorfährt, ist die Freude bei den Findern meist sehr groß. Man bewundert unsere Hilfe für Tiere in Not, man freut sich für das Tier, und man glaubt, es sei ein beneidenswerter Job, was wir täglich leisten. Für sie endet die Geschichte mit einem Happy End.

Die Realität sieht, wie meist, ganz anders aus als in der Fantasie der Leute. Denn sie nehmen nur den einen Notfall wahr, sehen nur einen kurzen Ausschnitt unseres Daseins. Wir aber rennen uns jeden Tag die Hacken ab, um zu retten, was zu retten ist. Und nicht immer können wir noch rechtzeitig helfen! Es passiert mitunter auch, dass trotz schnellstmöglicher Fahrt zum Tierarzt lebensrettende Maßnahmen nicht mehr erfolgreich sind. Solche Verluste nagen an uns. Häufig büßen wir durch Not- und Schwerpflegefälle auch unsere wohlverdiente Nachtruhe ein. Würden die Tiereigentümer und die Finder selbst auch hierzu bereit sein?

Unsere Fahrten für entlaufene Haustiere sind keine Selbstverständlichkeit und liegen auch gar nicht in unserem Zuständigkeitsbereich. Die Benzin- und Reparaturkosten etc., die im Rahmen der Rettungsfahrten entstehen, müssen privat bezahlt werden. Oft rücken wir im Auftrag der Polizei sogar noch als „Ersatzvornahme“ für eine andere, eigentlich vorrangig zuständige Einrichtung aus, die von den Gemeinden Geld, so genannte Fundtier-Pauschalen  für die Fundtierrettung und -versorgung erhält  –  im Gegensatz zu uns, die wir Selbstzahler sind. Grund ist meistens: Die betreffende Einrichtung ist für die Polizei und die Bürger nicht erreichbar gewesen. Und dies trotz Notfall-Handys.

Nächtliche Tierarztbesuche mit Not-OPs, Röntgenaufnahmen, medikamentöser Versorgung etc., evtl. sogar stationärer Aufnahme unserer Wildtiernotfälle in der Tierarztpraxis, kosten uns ein Vermögen, da wir kein Verein sind und keine Fördermittel von Vater Staat oder von den örtlichen Kommunen erhalten. Es kommt immer häufiger vor, dass wir von der Polizei oder sogar von privaten Bürgern wegen verunfallten Heimtieren, vorwiegend überfahrene Katzen, kontaktiert werden.

Der Abend des 04.03.2015 sah für mich so aus:               

Ich musste früher von der Arbeit weg (Minusstunden!), um beim Forchheimer Tierarzt noch den eingeschläferten Hund Jenny unserer Seniorin aus dem Landkreis Forchheim abholen, denn die Entsorgung über den Tierarzt mit Abholung durch das Entsorgungsunternehmen ist eine für uns nicht finanzierbare Ausgabe und die Seniorin selbst hat nicht das Geld, für die Tierarzt- und Entsorgungskosten aufzukommen. Wir brauchen unser Geld dringlichst für unsere lebenden Patienten und ich hatte für Jenny schon monatelang die Tierarztkosten getragen trotz sehr hoher Kostenbelastung für die Wildtierhilfe...

Gleich darauf meldete unsere Nürnberger Fledermaus-Kollegin per Telefon, dass sie mit zwei halb verhungerten Stadttäubchen auf dem Weg zu mir nach Forchheim im Stau steckte… es musste gewartet werden, bis sie eintraf. So läuft einem die Zeit davon...

Schnell Tauben-Check, ob Tierarztbesuch erforderlich, aber es handelte sich „nur“ um Hunger-Fälle, die zum Glück von der Kollegin schon notversorgt wurden, und schon geht’s weiter nach Bamberg, wo der euthanasierte Westie-Mix Jenny an unsere Kurierfahrerin Inge weiter gegeben wurde. Jenny wurde im Garten einer auswärtigen Bekannten vorschriftsgemäß und würdevoll beerdigt und hat jetzt ein Grab mit Blumen, statt in der Tierkörperbeseitigungsanlage entsorgt zu werden.

Darüber hat sich unsere Seniorin, die keinen eigenen Garten hat, trotz des herben Verlusts ihrer einzigen Mitbewohnerin, sehr gefreut.

Schnell bei Hornbach etwas eingekauft, weiter zum Babys- und Hungerhaken-Füttern, dann in die neue Station - und da kam er dann, der Notruf wegen der Unfallkatze.

Ich düste, so schnell es ging, nach Zeegendorf. Den Streifenwagen der Polizei sah ich schon von fern.

Die Katze selbst hat sich noch einige Meter von der Straße fortgeschleppt und lag jetzt in einer Grundstückseinfahrt blutend auf dem kalten Boden. Rot-weiß, ein großer runder Kopf. Die beiden Streifenpolizisten sagten, sie habe sich nicht mehr bewegt, nur noch leise gemaunzt. Das verleitete mich zu der Fehleinschätzung, die Katze sei nicht mehr in der Lage, sich noch groß zu wehren. Ich verzichtete auf die sonst mitgeführten Handschuhe, was mir gleich darauf sehr leid tat. Die von Schmerzen gepeinigte Katze tickte in dem Moment aus, als ich sie hochheben wollte und zerbiss mir sehr schmerzhaft die Haut an der linken Hand, welche sowieso schon durch einen Eichhörnchenbiss demoliert war. Autsch, verflucht!

Schließlich war die Katze in der Box untergebracht. Sie schrie wieder laut vor Schmerzen - wie so oft wünschte ich mir, ich sei selbst Tierarzt und mit dem nötigen Notfallkoffer mit Schmerzmitteln ausgestattet. Wir haben noch keinen Tierarzt gefunden, der für uns ehrenamtlich Rettungsdienste fahren würde...

Der neben mir her laufende Polizist fragte, was mit der Katze passieren würde, ob sie noch eine Chance bekommt… sie hätten sie nicht einfach erschießen wollen, da ihnen das Fachwissen fehle, um sicher zu beurteilen, ob sie noch eine Überlebenschance hat oder nicht. Na bitte, dachte ich, was sind die Leute immer so voreingenommen gegen die Polizei, diese Beamten haben mehr Gewissen als mancher Normalbürger. Jedenfalls scheint dieser Polizist ein ausgesprochener Tierfreund zu sein, und unser Herr Z. ist sowieso einer.  smiley

Bei uns kriegt jeder noch eine Chance, dem der Tierarzt eine Chance einräumt, und so gab ich das auch weiter. 

Nun wollte auch noch der Finder seine Geschichte von der Entdeckung der überfahrenen Mieze und seiner eigenen Katzenhaltung  loswerden, doch die Zeit drängte, und ich teilte mit, dass ich mit dem armen Tier so schnell als möglich zu unserem Tierarzt fahren werde. Die Streife fuhr den Rückweg hinter mir her. Nicht zu schnell also, denn wir dürfen für Tiere nicht die Geschwindigkeitsgrenzen überschreiten, anders als die Kollegen von der Menschenrettung, die auch berechtigt sind, mit Martinshorn und Blaulicht zu fahren. Ein Privileg, dass uns leider nicht gegönnt ist. Zum Glück war die Katze aber relativ stabil, und so erreichte ich einige Minuten später die Tierarztpraxis. Ah, Licht eines Flachbildschirms aus einem der Fenster im Obergeschoss: Es ist jemand zuhause!!! Erleichterung macht sich in mir breit. Ich klingele Sturm – nach einer Zeit öffnet die Ehefrau des Tierarztes, selbst auch Tierärztin. Na prima, Rettung ist in Sicht!

Auch der Tierarzt traf nun ein, er befand sich auf dem Heimweg vom Basketball, als unser Notruf einging. Vielen Dank an dieser Stelle auch dem Ärzteehepaar, das trotz nächtlicher Stunde bereit war zu helfen.

Die Katze erhielt als erstes Morphium gegen die unsäglichen Schmerzen und verblieb über Nacht beim Tierarzt, um eine weitere optimale Versorgung mit Schmerzmitteln zu gewährleisten. Man konnte mit ansehen, wie sie sich unter dem Wirkungseintritt des Morphiums sichtbar entkrampfte. Dank sei dem Doktor und dem Entdecker des Morphiums! Einen Tag später riefen wir an, die Praxis konnte uns mitteilen, sie habe die Nacht überstanden und so hoffte man, sie würde überleben. Sie sollte noch geröntgt werden, da sie gegenwärtig die Hinterläufe nicht bewegen könne.

Vekehrsunfälle haben nicht selten Wirbelsäulenbrüche zur Folge, und nicht alle Tiere schaffen es, hinterher ihre Lähmung mit Krankengymnastik zu überwinden und wieder gehen zu können. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass ca. die Hälfte aller Wirbelsäulenbrüche eine dauerhafte Lähmung nach sich zieht, für die es dann leider nur eine Option gibt: Das Tier muss nach erfolgloser Therapie eingeschläfert werden. Ich bekomme mit Krankengymnastik aber ca. 30 % der Gelähmten wieder völlig fit und ca. 20 % bleiben gehbehindert, aber beschwerdefrei und können sich akzeptabel fortbewegen. Deshalb kann ein Therapieversuch empfohlen werden. Das Risiko des Misserfolgs besteht natürlich, aber eine Chance hat jeder verdient. 

Für mich war mit der Abgabe beim Tierarzt die Rettungsaktion Zeegendorf beendet, und ich musste nach dem Tierarztbesuch noch meine eigenen Tiere gar zuende versorgen. Auch  die Babyhasen sowie die Hunger-Täubchen waren nochmals dran. Erst dann konnte ich sehr spät schlafen gehen.

So ein Tag ist bei uns nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Es gibt immer was zu tun! Auch bei den Kolleginnen, die sich um die Vogelwelt kümmern! Wie Recht Hornbach doch mit seinem Reklame-Spruch hat! Und Toyota auch: Nichts ist unmöglich. Wir müssen immerzu mit allem rechnen.

So eine spontane Rennerei und fortgesetzte Schlaflosigkeit ist dann vielleicht doch eher nichts für diejenigen, die unser Tierrettungsauto und unsere Einsätze immer so bewundern. Zumindest haben wir noch keine Freiwilligen gefunden, welche uns die Fahrten abnehmen wollen würden…  wink

Dennoch, obwohl so ein Leben anstrengend ist, und obwohl wir so viele Ausgaben vom privaten Einkommen schultern müssen, wir tun unsere Arbeit gerne. Ob abgestürzte Vögel und Eichhörnchen, ob verletzte Babyfeldhasen, kranke Rabenvögel oder durch Taubenabwehrmaßnahmen geschädigte Tauben, sogar einsame, alte und kranke Menschen, die Beistand und Unterstützung benötigen - wir helfen, wo immer wir können.

Nicht  zuletzt wurden wir auch zu einer Familie gerufen, deren psychisch schwer kranke Tochter angedroht hatte, ihre Katze aufzuschlitzen. Bereits öfters hatte sie das Tier misshandelt. Die Drohung, das Tier zu töten, war laut Angaben ihrer Mutter absolut ernst zu nehmen. Die Mutter bat um sofortige Abholung des Tieres, um sein Überleben zu gewährleisten. Nur unter Tränen konnte sie sich von dem Tier trennen. Ihre Tochter bedrohte nicht nur die Katze, sondern auch ihre Familie selbst. Wir hoffen, dass die Familie bald bessere Hilfe von den  Behörden erhält als bisher.

Die Katze war leider aufgrund der monatelangen Misshandlungen zunächst extremst aggressiv und überängstlich, fand sich dann jedoch erleichtert in ihr neues sorgenfreies Dasein und hat mittlerweile ein neues Zuhause in einer weit entfernten Stadt gefunden. Die neue Eigentümerin hat ein gewaltfreies Zuhause mit psychisch intakten Dosenöffnern zu bieten. Die Miezekatze fühlt sich im neuen Domizil sehr wohl.

Auch diese Geschichte ist ein Beispiel, wie vielfältig unser Tätigkeitsbereich ist und wie sehr sich Menschen von uns schnelle und zielgerichtete Hilfe erhoffen, wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen und niemand anderes haben, an den sie sich wenden können.

Würden wir mit anderen, den sogenannten Otto-Normalverbrauchern und ihrem bequemen Leben, tauschen wollen? Sind wir neidisch auf all die materiellen Dinge, die andere sich gönnen und die wir uns niemals anschaffen können, weil unser Geld für Auzuchtfutter, Tierarzt und Volierenbau drauf geht?

Nein, keinesfalls.

Unser Leben bleibt immer spannend und abwechslungsreich. Nie wissen wir gerade nicht, was wir treiben sollen, nie haben wir Langeweile. Immer werden wir gebraucht, denn es geraten täglich Wildtiere in Not, und wie man oben sieht, nicht nur Wildtiere...  Man erkennt unseren Einsatz an und freut sich über unsree unbürokratische schnelle Hilfe. Was wollen wir mehr? Wir sind glücklich, so wie es ist, trotz aller Belastungen und Entbehrungen und finanzieller Einschränkungen, die mit den Ausgaben für die Tierrettungen einher geht.

Machen Sie uns das erst mal nach…

 

Susanne Wicht

 

Nachtrag: Die Eigentümer haben - durch einen Aufruf in facebook informiert - bei unserem Tierarzt angerufen und fuhren auch zu ihm in die Praxis. Sie ließen ihre Katze dort einschläfern, da die Prognose nach genauer Untersuchung ungünstig war.

Für den Zeegendorfer Kater gab es also kein Happy End, anders als für eine Katze aus Leimershof, die ca. zwei Wochen vorher angefahren aufgefunden und von mir persönlich sonntags abgeholt und zum Tierarzt gebracht worden war. Sie gehörte niemand mehr, die letzten Eigentümer hatten sie beim Wegzug einfach zurück gelassen und nach 19 Jahren Wohnungskatzen-Dasein einfach ausgesetzt. Sie wurde in unserem Auftrag vom Tierarzt operiert und kann heute bei ihrem neuen Frauchen wieder stolz auf ein eigenes Zuhause sein.

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Zur Information für unsere Leser: Tierarztkosten für die Notfalltiere fremder Eigentümer können wir aus begreiflichen Gründen nicht übernehmen. Wir benötigen jeden Cent für unsere Wildtiere.

Tierarztrechnungen für Heimtiere sind daher immer vom Tiereigentümer (oder bei Fundtieren von der Gemeinde oder dem zuständigen Tierschutzverein) zu bezahlen. Wir können hier keine Kosten übernehmen. Grundsätzlich ist der Eigentümer aufgrund des Tierschutzgesetzes selbst zum Tierarztbesuch im Krankheitsfall verpflichtet. Wir helfen nur bei Unfalltieren im Auftrag der Polizei, wenn diese den Eigentümer auf die Schnelle nicht ermitteln konnte und keine andere Einrichtung zur Hilfe bereit ist, und auch nur soweit, wie nicht unsere eigene Pflichten entgegen stehen.

Das Einfangen entlaufener Haustiere an sich oder ein Tiertransport anstelle der Eigentümer ist uns aus zeitlichen und wirtschaftlichen Gründen nicht möglich. Hier sind ebenfalls die Eigentümer selbst in der Pflicht, zu handeln.