Eine Meise mit Tollwut, ein überfahrener Marder und ein Polizist, der vom Grillen träumt   :-)

Ein sonniger sommerlicher Dienstagmorgen. 9.24 Uhr, ich versorgte gerade einen Pflegling. Da klingelte mal wieder mein Handy los, und die wohlbekannte monotone männliche Ansagestimme verkündete: "Polizei Bamberg-Stadt, Polizei Bamberg-Stadt... ". Unverhofft kommt oft. Gerade wenn man sowieso schon Stress hat, muss sich als i-Tüpfchelchen wieder mal noch ein weiteres Tier vor ein Auto werfen oder ähnlich Schreckliches. Auch dieses Mal, so erzählte mir der Polizist am Telefon, war ein Auto wieder schneller als ein Wildtier, hier ein Marder...

Dieser läge nun schwer verletzt und außergewöhnlich zahm im Garten eines Ehepaars in der M-Straße in Bamberg. Ich ließ mir die Telefonnummer geben und rief dort an. Für gewöhnlich freuen sich die Angerufenen, dass jemand dem verletzten Tier helfen will, doch hier verhielt es sich zu meinem Erstaunen ganz anders. Eine aggressive weibliche Stimme keifte in den Hörer, wer ich denn überhaupt sei?! Sie habe von der Polizei verlangt, dass diese komme und den Marder erschieße. Auch den Jagdpächter habe sie angerufen, damit er den Marder töte, denn der habe sicher Tollwut, doch der habe sie an die Polizei verwiesen. Sie wolle dann mit ihrem Mann sprechen und nochmals bei der Polizei anrufen. Die müssten unbedingt kommen und das Tier erschießen. Etwas anderes komme nicht in Frage. Meine Worte, dass wir den Marder erst mal ansehen müssten, dafür aber ein Einverständnis von ihr zum Betreten des Grundstücks benötigten, ging in ihrem garstigen Redeschwall fast unter. Ich informierte daher umgehend die Polizei, dass die Dame wenig kooperativ sei und auf eine Erschießung des Marders bestehe, weil sie in Panik sei, dass das Tier an Tollwut erkrankt sei. Nun wissen sowohl der Jagdpächter als auch die Polizei und ich, dass wir in der Bamberger Region seit vielen Jahren keine Fälle von Tollwut mehr hatten. Die Tollwut gilt in Bayern und in Deutschland allgemein aufgrund der flächendeckenden Impfung der Füchse gegen Tollwut mittels Impfköder (mit Impfstoff präparierte Fraßköder) als ausgestorben. Allenfalls bei Fledermäusen soll es in einigen Regionen ab und an Tollwutfälle gegeben haben. Nachdem die Dame aufgrund ihrer Tollwut-Phobie zu keiner vernünftigen Beurteilung des Gesundheitszustands des Tieres in der Lage war, erschien es umso dringlicher, dass jemand mit Erfahrung das Tier begutachtet, denn Laien können generell den Gesundheitszustand von Tieren nicht wirklich zutreffend beurteilen. Ich bat die Polizei um Hilfe angesichts der schwierigen Garteneigentümerin - und wie immer wurde mir Hilfe zuteil. Eine Streife wurde zum Fundort hinbeordert und traf dort auch schon vor mir ein, da ich das Tierrettungsfahrzeug mit den Keschern und Boxen erst holen musste.

Zwei junge Polizisten hatten den Marder auch schon von beiden Seiten fast dingfest gemacht, doch auf der Innenseite des Gartens war der Maschendrahtzaun hinderlich im Wege, von außen die Zweige einer dichten Koniferenhecke. Das Marderchen hinkte immerhin schneller, als man die Zweige beiseite schieben konnte, und auch schneller, als ich mit meinem maroden Knie mit dem Kreuzbandriss. ;-)

So ging das eine Weile hin und her. Schließlich wurde es dem verletzten Marder doch zu dumm, und er flüchtete unter ein  parkendes Auto - und schwupp, weg war er.

Polizei und Wildtierhilfe gingen in die Knie - doch kein Marder zu sehen. Aber ich kenne ja meine Marderchen und ihre Tricks: Ich war sicher, dass er sich an seinem Lieblingsort, im Motorblock, versteckt hatte. Der herbeigerufene Eigentümer öffnete die Motorhaube - und da linste der Marder tatsächlich zwischen Kabeln und für mich undefinierbaren Motor-Bestandteilen hervor. Ehe ich jedoch den angefahrenen Marder greifen konnte, ging er schon wieder stiften - dieses Mal in die Motorhaube des Ehegatten der "netten" Dame mit der Tollwut-Phobie. Dessen Auto enthielt einen solch zugebauten Motorblock, dass man bis zum Marder nicht hindurchgreifen konnte. Einer der Polizisten versuchte sein Glück, doch auch er konnte den Marder nicht dazu bewegen, sich freiwillig zu ergeben. Nach dem Starten des Motors flüchtete der Marder unter das nächste, übernächste, überübernächste Auto und wir immer hinterher... Einige Nachbarn wurden neugierig und kamen gucken. Was wir denn mit dem Marder machen würden, wenn wir ihn hätten? Der andere der beiden Polizisten meinte, man könne ihn ja grillen. Aber dieser Gedanke kam ihm sicher nur wegen des schönen sonnigen Wetters.    ;-)

Mittlerweile hatte sich zufällig eine mir bis dato noch nicht persönlich bekannte Tierschutzkollegin, Frau Schmid von der Tierschutzinitiative "Graue Schnauzen" eingefunden, die dann auch tatkräftig beim Einfangen mithalf. Mit unserem großen Fox Rage Speedflow Großfischkescher gelang es ihr, den von mir unter dem Auto hervor getriebenen Marder einzufangen. Derart dingfest gemacht, musste er sich leider ergeben und wurde zwar nicht mit Polizeigewalt, aber mit geübtem Nackengriff von mir in die mitgebrachte Transportbox verstaut. Er guckte ziemlich dumm hinter dem Gitter hervor. Ich dachte mir nur, sei du mal froh, dass  w i r  hier waren und der Jagdpächter kein Interesse hatte, zu kommen! Ein herzliches Dankeschön auch an Frau Dina Schmid, ohne deren Unterstützung ich vielleicht noch Ewigkeiten hinter dem Marder her wäre, von Auto zu Auto hetzend...  ;-)

In der Zwischenzeit war unsere von mir herbei gerufene Kurierfahrerin Inge eingetroffen, die den Marder dann auch gleich übernahm, um ihn zum Tierarzt zu bringen. Ich dankte den beiden Polizeibeamten für ihre Unterstützung und wollte gerade kehrt machen, als mich eine der vor dem Grundstück der Finderin stehenden  Frauen ansprach, ob dieser Marder denn keine Tollwut gehabt hätte. Nein, konnte ich sie beruhigen, der Marder habe keine Tollwut, er sei nur verletzt. Sie erklärte etwas entschuldigend, ihre Schwester habe halt immer solche Angst vor Tollwut. Ja, dachte ich im Stillen bei mir, die einzige, die Tollwut hat, ist die Schwester selbst, und nicht nur die Tollwut hat sie, sondern auch noch mindestens eine Meise, wenn nicht gar ein ganzes Nest. Zum Glück sind die meisten Finder freundlich und dankbar für die Hilfe, die dem Tier zuteil wird.

Marder können wir wegen unserer eigenen Tiere und Pfleglinge leider nicht selbst pflegen. Sie wären eine große Bedrohung für Vögel und kleine Säugetiere. Wir geben sie deshalb an marderkundige Personen zur weiteren Pflege ab. Marder sind ganz spezielle Gesellen mit Eigenheiten und auch zahlreichen Medikamentenunverträglichkeiten, so dass hier wie bei allen anderen Tieren auch eine Unterbringung bei sachkundigen Personen zum Wohle des Tieres unerlässlich ist.

Ein Glück, dass die Polizei nicht einfach den armen kleinen Autokabel-Durchbeißer erschossen, sondern uns informiert hat. Es heißt eben doch nicht umsonst: Die Polizei, dein Freund und Helfer...   :-)

So war denn auch dieser Einsatz mal wieder erfolgreich beendet. Bis mein Handy wieder klingelt und die Ansagestimme verkündet: Polizei Bamberg-Stadt, Polizei Bamberg-Stadt...

 

Susanne Wicht

 


PS: Beim Jagdpächter rief ich anschließend noch an und informierte dessen Mutter, dass die Wildtierihilfe den Marder gerettet und zum Tierarzt gebracht hat. Sie dankte für die Information und versprach, sie ihrem Sohn weiter zu geben.

Von sich aus kontaktierte sie mich am 29.06.2014, als ihr Sohn wegen eines Verkehrsunfall-Marders bei der Würzburger Weinstube von der Polizei angefordert wurde. Er selbst war leider nicht erreichbar und hätte in der geschlossenen Ortschaft  das Tier auch gar nicht erschießen dürfen, um dessen Leiden zu beenden. Von der Mutter des Jagdpächters schließlich um Hilfe gebeten, konnte ich nur noch den Tod des überfahrenen Marders feststellen. Es wurde vereinbart, dass wir in solchen Fällen künftig direkt und ohne Zeitverlust kontaktiert werden. Es freut mich, dass eine Zusammenarbeit zwischen Jägern und Wildtierhilfe zum Wohle der Tiere möglich ist.  Immer mehr Jäger wenden sich an uns, wenn es um Hilfe für Wildtiere in Not geht. Wir danken für das entgegengebrachte Vertrauen.