Der gestiefelte Kater

 

An einem lauen Abend im Oktober 2014 war es wieder mal soweit: Mein Handy verkündete mir erneut, die Polizei Bamberg-Stadt sei am anderen Ende und habe einen Auftrag für mich:

Dieses Mal war es zur Abwechslung mal wieder eine Fundkatze. Da man die zuständige Einrichtung nicht erreichen konnte, wählte der diensthabende Polizist meine Nummer. Eine junge Dame hätte eine Fundkatze mit zur Wache gebracht, so der Polizist, und dort gäbe es leider nicht mal eine vorübergehende Unterbringungsmöglichkeit. Ich selbst befand mich noch in Forchheim auf der Arbeit. Meine Frage, ob man das Tier nicht bis zu meiner Ankunft in Bamberg in der Ausnüchterungszelle aufbewahren könnte, verneinte der Polizist. Leider sei nichts frei.

Aha, dachte ich, ist schon ein anderer Lump drin untergebracht!  wink  Man sollte bei der Polizei doch mal einen Zwinger für Fundhund und Fundkatze aufstellen. Das macht Sinn, so häufig, wie entlaufene Vierbeiner gefunden werden...

Doch nachdem dies nur ein frommer Wunsch meinerseits war und die junge Dame samt Katze in Richtung Heimat entschwand, blieb mir nichts anderes übrig, als das Tier nach der Arbeit in P-dorf bei der jungen Mutti abzuholen, denn diese erklärte am Telefon, sie könne die Katze nicht mehr nach Bamberg  zurück bringen, da sie ihr kleines Söhnchen ins Bett bringen müsse. Sie könne es danach nicht alleine lassen.

Bei meinem Eintreffen eine Stunde später war der kleine Steppke natürlich keineswegs im Bett, sondern ruderte lebhaft durch die Wohnung. Der Pkw der Finderin stand vor der Tür.

Sie erklärte, sie habe den Kater in der Nähe des Klinikums Bamberg gefunden, mitten auf der Straße. Aus Angst, dass er überfahren werden könnte, habe sie ihn mitgenommen.

Es handelte sich um einen tätowierten Kater, dessen Herrchen oder Frauchen sicher schon auf ihn warteten.

Ich nahm den Kater mit den großen Augen hoch und widerstandslos ließ sich der brave, Menschen gewohnte Kater, in eine mitgebrachte Transportbox setzen. Heimwärts ging´s nach Bamberg und direkt zu Katzenfreund Manni, der Fundkatzen hin und wieder für uns zwischenlagern muss, bis sich ein Herrchen oder Frauchen meldet. Milo outete sich als Schmuser und als verfressen wie Kater Garfield.

Unsere Inge ließ eine Eigentümer-Suchmeldung mit Foto des Katers auf Facebook los, und tatsächlich meldete sich am nächsten Tag ein junger Mann. Er erzählte, sein Kater Milo sei erst einige Wochen vorher fast von einer anderen Frau entführt worden, die ihn für eine herrenlose Katze hielt.

Milo, der Fundkater inspiziert Mannis Badezimmer

 

Leider kommt es immer wieder vor, dass mitleidige Menschen Katzen finden und meinen, diese seien herrenlos oder ausgesetzt. Im Fall von Kater Milo war aber anzunehmen, dass er jemandem gehört, da er sowohl tätowiert als auch gut genährt und in guter gesundheitlicher Verfassung war. Ihn vom Fundort mitzunehmen bestand kein Anlass.

Milo ist eine Freigängerkatze. Nachdem er auf der Straße sitzend aufgefunden wurde, war es in Ordnung, dass die Finderin ihn aus der Gefahrenzone brachte. Dass sie allerdings ein gesundes tätowiertes, in Top-Verfassung befindliches Tier einfach mitnahm, erscheint uns nicht korrekt.

Freigängerkatzen gibt es in Massen, ihre Eigentümer halten sie im Freien, damit sie ein größtmögliches Maß an persönlicher Freiheit genießen können. Verbunden mit dem größtmöglichen Maß an persönlicher Freiheit ist auch eine große Gefahr: Für kleine Wildtiere, die von den Hauskatzen bedroht werden, und für die Freigängerkatzen selbst, die häufig Opfer von Verkehrsunfällen werden. Wir haben selbst schon etliche plattgefahrene Miezen mit heraushängendem Gedärm und aus dem Kopf katapultierten Augäpfeln von der Fahrbahn kratzen "dürfen".

Dennoch darf man sie nicht einfach mitnehmen. Wie gesagt, aus der Gefahrenzone bergen ist in Ordnung und sehr zum Wohle des Tieres, fortschleppen eher weniger.

Der Eigentümer einer Freigängerkatze nimmt bei Freigang-Haltung billigend in Kauf, dass die Katze überfahren wird oder als Versuchskaninchen im Labor endet. Er entscheidet sich im Namen der Katzenfreiheit bewusst für das Risiko eines verfrühten Ablebens. Finder haben kein Recht, Freigängerkatzen anderer Leute einfach mitzunehmen, nur weil sie riskant leben. Deshalb bitte gut genährte gesunde Katzen bitte stets an ihrem Wohnort belassen!

Kranken Tieren sollen Sie selbstverständlich Hilfe zukommen lassen. Nötigenfalls auch mit Hilfe der Polizei und des Veterinäramts, wenn ein Eigentümer sich weigert, seiner kranken oder verletzten Katze selbst zu helfen.

Milo wurde vom Herrchen am Nachmittag des auf den Fundtag folgenden Tages abgeholt.

Manni war ein bisschen traurig, so einen netten Schmuser hätte er auch gerne behalten. Doch ich fürchte, das wäre seiner eigenen Katze, der edlen Prinzessin Minnie, nicht recht gewesen. Tagelang schmollte sie. Erst als der Geruch des Eindringlings sich verflüchtigte, legte sie sich wieder huldvoll auf Herrchens Schoß und ließ sich, ganz adelige Prinzessin, von ihrem Dosenöffner und Untertan betütteln.   smiley

 

Susanne Wicht