Der Adrenalin-Kick

Erst kürzlich war ich mit einer sehr netten, ebenfalls tierliebenden Arbeitskollegin auf dem mittäglichen Rückweg von unserer betriebseigenen Cafeteria, als sie mir die Frage stellte, welches denn meine spektakulärste Rettungsaktion gewesen sei. Ich muss hier gestehen, dass ich eine absolute Schwäche für gefährliche Aktionen habe. Mein Freundeskreis weiß, dass ich eine abenteuerlustige Person bin und der Langeweile total entsagt habe. Ein gelegentlicher spontaner Adrenalin-Kick gibt dem Leben erst die richtige Würze. laugh

Selbstverständlich kommt es durchaus vor, dass wir uns für Tierrettungen selbst auch einer gewissen Gefahr aussetzen – sei es der morsche und durchbruch-gefährdete Dachboden eines leer stehenden Altbaus, auf dem ich im November 2009 paramyxovirosekranke Tauben einfing, oder das winterlich-eiskalte Regnitzwasser am Kranen in Bamberg, über das ich mit der Wasserwacht im Schlauchboot zur Kranen-Insel übersetzen musste, weil dort ein Kaninchen Hilfe benötigte, oder das Klettern in Schächte, um abgestürzte Igel oder Kröten zu bergen, in meiner Kindheit die Verteidigung eines Schmetterlings gegen zwei mir körperlich überlegene Jungs und viele andere Aktionen, die eine gewisse Gefahr für das eigene Leben oder zumindest die eigene Gesundheit darstellten – doch wenn ich so zurück denke, war mein erschreckendstes Ereignis im Leben nicht eine Tierrettungsaktion, sondern eine unvermutete nächtliche Begegnung in einsamer Wildnis.

Da ich berufstätig bin, lässt es sich nicht vermeiden, dass ich am Abend meine Tiere versorgen muss. Oft bin ich daher im Dunkeln in meinem Garten unterwegs. Da mein Grundstück entlegen in Waldnähe liegt, ist es des Nächtens auch entsprechend gruselig dort. Sind zusätzlich zu meinen eigenen Tauben Wildtier-Pfleglinge zu versorgen, zieht sich die abendliche Aktion der Fütterung und des Ausmistens oft lange hin.

Im Herbst 2011 passierte es, dass ich mal wieder ziemlich spät noch mit meiner Taschenlampe im Garten herum hantiert hatte, und im nachlassenden Licht derselben schließlich meinen Weg zum Gartentor antrat, froh, endlich fertig zu sein und schlafen gehen zu können. Still lagen Wiesen, Felder und Wald da und außer ein paar entfernten Fahrgeräuschen von der Autobahn, die der Wind herüber trug, war nichts zu hören, als ich mein Gartentürchen aufsperrte und den kurzen Weg zu meinem Auto antreten wollte. Hinter meiner Gartentüre führt ein etwas gebogener Weg zu zwei Nachbargrundstücken, die Biegung ist wegen des sommerlichen Pflanzenbewuchses nicht einsehbar. Und eben als ich meinen Garten durch die geöffnete Türe verließ, tönte aus jener Ecke eine männliche Stimme: „Hallo?“ – Ich erschrak, denn in den vielen Jahren, in welchen ich dort abends unterwegs gewesen war, hatte sich noch nie jemand genau dort verborgen. „Sagen Frauenmörder HALLO?“ fuhr es mir durch den Kopf. Natürlich weiß frau heutzutage, dass Verbrecher besonders auf die Angst ihrer Opfer ansprechen. Also mutig bleiben.

Ich trällerte scheinbar unbekümmert zurück: „Hallo – hallo? Wer halloo-t denn da noch so spät in der Nacht???“ – Statt einer Antwort: Schweigen. Spätestens jetzt schwand die Hoffnung, es könne sich um einen verirrten nächtlichen Spaziergänger handeln.

Plötzlich brach aus dem Gebüsch um die Ecke ein Glatzkopf hervor, mit heller Hose und schwarzer Lederjacke – eine Sekunde später folgte noch ein zweiter Mann, ebenfalls ca. Mitte 30 und mit blonden kurzen Haaren und ebenfalls schwarzer Lederjacke. Entsetzen packte mich.

Ich wundere mich noch heute, wie ich in diesem Moment überhaupt zu folgendem Gedanken fähig sein konnte:

„Tragen Frauenmörder Partner-Look? Wie krank ist das denn?“

Beim Heranpreschen der beiden setzte mir dann doch tatsächlich mein Herz für einige Sekunden aus – ein sehr merkwürdiges Gefühl bei vollem Bewusstsein. Und in mir dachte in diesem Moment etwas: „Besser, es schlägt nicht weiter, dann bleibt dir Schreckliches erspart…“

Keine Chance, wegzurennen. Ich hatte damals einen noch recht frischen, nicht operierten Kreuzbandriss. Keine Chance, sich körperlich gegen zwei junge Männer durchzusetzen.

Die Sekunden dehnten sich, und es ist unglaublich, was einem alles in dieser kurzen Zeit durch den Kopf gehen kann.

Im schwach gewordenen Licht meiner LED Lenser Taschenlampe stürmten sie auf mich zu, der vordere hob den Arm an – und der Restlichtstrahl fiel auf den Jackenärmel, auf dem ein mir nur allzu gut bekanntes Emblem zu sehen war.

Augenblicklich fiel mir der sprichwörtliche Stein vom Herzen, das seinen Geist doch nicht vorschnell aufgegeben hatte: Die gleich aussehenden Lederjacken gehörten zu Polizei-Uniformen.

Völlig entgeistert und gleichzeitig erleichtert sprach ich: „Was machen Sie denn hier mitten in der Nacht in der Einöde?“

Der eine der beiden Polizisten entgegnete: „Das wollten wir Sie auch gerade fragen!“ – „Was treiben Sie denn hier mitten in der Nacht?“ fragte der andere. „Ich darf hier sein, ich bin die Grundstückseigentümerin und oft noch spät nachts unterwegs. Sie kennen doch sicher Ihren Kollegen und Dienstgruppenleiter Herrn X, hat der heute Dienst?“ Sie bejahten nach einigem Zögern, denn noch war ja immerhin möglich, dass ich eine fiese Einbrecherin war. Doch dank Handy-Zeitalter war der Irrtum rasch aufgeklärt. Herr X war am anderen Ende der Leitung und konnte mich an meiner Stimme zweifelsfrei identifzieren. Also nix war´s mit dem vermeintlichen Diebesfang!

Beide Polizisten ließen sich dennoch meine Papiere zeigen. „Wir hätten Sie jetzt fast nieder gewuchtet!“ erklärte der eine der beiden jungen Beamten. „Ach, halb so wild!“ lachte ich, immer noch mit wackligen Knien. „Alles besser als zwei fiese Frauenmörder!“

Später stellte sich noch heraus, dass jemand mein Taschenlampenlicht im Garten beobachtet und mich als einen Einbrecher eingestuft hatte. Die beiden Polizisten hatten sich dann etwas entfernt geparkt und sich heimlich im Dunklen angeschlichen. Sicher hatten sie selbst Angst gehabt, was sie wohl erwarten würde… Ich sagte ihnen, es würde mich wenig verwundern, dass der Anfangsverdacht tatsächlich ein Einbruch gewesen sei, denn wer ist sonst schon werktags so spät nachts noch fern der Heimat unterwegs?   ...

Als zwei Monate später sieben Streifenpolizisten und ein Hundeführer aus demselben Anlass wiederum anrückten, war ich bereits vorgewarnt. Diese outeten sich jedenfalls auch sinnvollerweise gleich als Polizei, so dass neuerliche Angstzustände gar nicht erst auftraten.

Warum sich die beiden anderen nicht als Polizei zu erkennen gegeben haben, weiß ich bis heute nicht. Auf alle Fälle war der Moment, als sie aus dem grünen Dickicht auf mich zu rannten, prägend.

Ich habe die Szene immer noch vor Augen. Wenngleich ich sonst nicht ängstlich bin, habe ich bis heute ein ungutes Gefühl, wenn ich wieder mal nachts lange im Garten gewerkelt habe und auf der Innenseite meines Gartentürchens stehe, um die Türe zu öffnen und zum geparkten Auto zu laufen.

Wer weiß, ob es nächstes Mal wieder zwei Polizisten sind, die in der finsteren Ecke stehen…

Dieser Adrenalin-Kick war ganz bestimmt keiner von der Sorte, auf den man unbedingt aus wäre, denn diese Situation war ein Moment, der sich der eigenen Kontrolle komplett entzog. Während wir bei unseren  Rettungsaktionen Vorkehrungen treffen, Fachleute hinzuziehen können, war ich in diesem Moment auf mich alleine gestellt, und niemand hätte mir im Bedarfsfall helfen können. Mit der Angst vor dem Öffnen der Gartentüre muss ich seither leben.

 

Susanne Wicht

 

Diese wahre Geschichte habe ich speziell für meine Arbeitskollegin Ingrid geschrieben. Viel Spaß beim Gruseln!  laugh